WHAT IF I NEVER FIND OUT WHO’S A GOOD BOY

Rade Petrasevic

Curated by: Laura Amann • WHW

Kunsthalle Wien
April 16. - June 6. 2021

Für das zweite Kapitel von KISS wird Rade Petrasevic ein
großformatiges Wandbild realisieren – sozusagen ein Open-Air-
Fries –, das sich über die gesamte Länge der straßenseitigen
Glasfassade der Kunsthalle Wien Karlsplatz erstreckt. Die kurzen
Zitate, die direkt oberhalb der Arbeit auf einem LED-Band zu lesen
sind, kontextualisieren und konterkarieren die Bildinhalte zugleich.
Die Zuordnung zur Kategorie Fries ist kein Zufall, befindet es sich
doch in unmittelbarer räumlicher und auch geistiger Nachbarschaft
zu einem der vielleicht populärsten Friese der jüngeren westlichen
Kunsttradition: Gustav Klimts Beethovenfries (1902). Eine beachtliche
Wandarbeit, welche aus einer Abfolge von mitunter surreal
anmutenden Szenen besteht und von den Betrachtenden eine
tiefergehende Deutung und Auseinandersetzung einfordert.
Der Titel What If I Never Find Out Who’s a Good Boy [Was, wenn ich
niemals herausfinde, wer ein braver Junge ist] wurde – typisch für
Petrasevic – einem populären Internet-Meme namens Introspective
Pug [zu Deutsch etwa: Der selbstkritische Mops] entlehnt: Es zeigt einen
Hund auf dem Rücksitz eines Autos, der nachdenklich anmutend aus
dem Fenster schaut, untertitelt mit den Worten: „I don’t know man, I
just … what if I never find out who’s a good boy.“
Obwohl Memes meist darauf ausgelegt sind, mit gewitzten Bild-
Text-Paarungen für schnelles Gelächter zu sorgen, lässt sich auch
sagen, dass sie ebenso als populär-philosophischer, kritischer
Gesellschaftskommentar ihre Wirkung erzielen. In diesem Sinn ist ihr
Modus Operandi durchaus mit Petrasevics Einsatz von Bildern und
Worten verwandt.
Der Figurenreigen in Klimts Fries erzählt von „der Suche nach dem
Glück, den Qualen der leidenden Menschheit“ und von „den feindlichen
Gewalten, gegen die selbst Götter vergebens kämpften“. Er gipfelt in
dem Schluss, dass „die Sehnsucht nach Glück durch die Poesie Erfüllung
findet“ und wir nur in der „idealen Sphäre der Kunst reine Freude, reines
Glück, reine Liebe finden werden“.
Im Kontext der gegenwärtigen Pandemie, die nun schon seit über
einem Jahr lang gnadenlos auf uns lastet und auch in absehbarer Zeit
wohl nicht abklingen wird, können diese Empfindungen unschwer als
Hilfeschrei einer Gesellschaft gelesen werden, die kollektiv am Rand der
völligen Erschöpfung steht und die sich mit unlösbaren moralischen
Fragestellungen konfrontiert sieht, welche Opfer, aber auch Risiken
unter diesen außergewöhnlichen Umständen gerechtfertigt seien.
Genau hier setzt Petrasevics Fries an: Seine Figuren erzählen die
Geschichte von Menschen, die sich verzweifelt nach Berührung und
Nähe sehnen. Merkwürdige, einsame Gestalten gehen seltsame
Beziehungen mit nicht-menschlichen Entitäten ein. Sie sprechen
mit ihren Pflanzen (genau wie Mutter es immer empfohlen hatte);
sie sehnen sich in Tagträumen nach der warmen und fleischigen
Umarmung des üblicherweise leblosen Sessels; es wachsen ihnen
Shiva-artige Arme, um die nie enden wollenden Alltagsaufgaben zu
bewältigen; und sie greifen ins Leere, wenn sie eigentlich Trost bei
einander suchen. Am Rande des Wahnsinns taumelnd, müssen sie
immerfort abwägen, wie viel Unverantwortlichkeit noch vertretbar
und wie viel Verantwortung noch erträglich ist.
Im Laufe eines Jahres wurden Babys geboren, die ausschließlich
ihre Eltern kennen; Einzelkinder und ihre Eltern koexistieren in
fortwachsender Verzweiflung; Adoleszenzängste haben ein
bisher ungekanntes Ausmaß erreicht; Studierende verbringen ihre
sogenannten wilden Jahre auf Zoom; die Älteren und Verwundbaren
verkümmern angesichts der vielfachen Bedrohungen und romantische
Beziehungen wurden entweder in eine unmittelbare Existenz oder ins
Aus katapultiert. Unterdessen hat sich die gewohnte Dichotomie von
Arbeit und Freizeit in eine Zweiteilung des Lebens in Arbeit und Schlaf –
oder gar Arbeit und Arbeit? – aufgelöst.
Doch dieses Abwägen der kleineren Übel wird selbstverständlich
nicht nur im persönlichen Umfeld, sondern auch in der politischen
Arena praktiziert. Vom medizinischen Standpunkt aus zählt jedes
Leben und muss gerettet werden – so lautet der Eid –, aus einer
politikwissenschaftlichen Perspektive hingegen gilt es, das zu tun, was
für die Mehrheit das Beste ist.
Unvereinbar ist das.
Aber solange es der Wirtschaft gut geht, geht es der Wirtschaft gut.
Soviel ist sicher.
Und wo kann in all dieser Verwirrung zwischen Verordnungen,
Lockdowns und Einschränkungen die richtige Balance gefunden
werden, sich nicht gänzlich bevormundet zu fühlen und auch
genügend Mündigkeit zu zeigen, um noch Raum und Zeit für
Vergnügen, Freude, für Erotik zu finden – in der Sexualität und Intimität,
aber auch in allen anderen Aspekten der Existenz? Und das bitte mit
möglichst wenig Schuldgefühlen.
Und was ist am Ende schon dabei, wenn wir niemals herausfinden, wer
nun ein braver Junge, ein braves Mädchen oder ein braves Enby ist?

Text: Laura Amann


Photo (c) Kunsthalle Wien